Alle Verlage sind Zuschussverlage

Über Zuschussverlage, Dienstleisterverlage und Book on Demand-Verlage

Also, ich werde hier bestimmt keine Lanze brechen für das, was man allgemeinhin unter dem Begriff “Zuschussverlag” in seinem bösartigen Sinne meint. Mit dem Verlag “Mein Buch” in Hamburg haben wir seit 2001 vehement gegen die bekannten schwarzen Schafe in der Branche agiert, unter anderem mit einem neuartigen Konzept, das Book on Demand-Technik (also die Möglichkeit, den Lagerbestand niedrig zu halten und dadurch Kosten zu sparen) mit klassischen Verlagsdienstleistungen verband. Wir haben damit Maßstäbe gesetzt, noch heute finden sich die Auflistungen (“Diese klassischen Verlagsdienstleistungen sind inklusive”) bei einigen Nachahmern. Unser offenes Auftreten gegen die bekannten Platzhirsche hat uns mehr als eine Abmahnung eingebracht, weil wir einige Dinge deutlicher ausgesprochen haben, als man dies offenbar durfte.

Alle Verlage sind Zuschussverlage

Es wird in Deutschland wohl keinen Verlag geben, der nicht schon einmal ein Buch mit einem Zuschuss realisiert hat. Und das ist auch gut so.

Bei dem Zuschuss handelt es sich ja um Geld, das benötigt wird, ein Buchprojekt zu realisieren. Gemeinden zahlen für kulturelle Publikationen, Stiftungen für biographische Werke, Förderungsgesellschaften für wissenschaftliche Veröffentlichungen, Privatpersonen für die Familiengeschichte oder das erste eigene Buch.

Kultur kostet Geld. Und eine Beteiligung an den Druckkosten war schon immer üblich und ist keine Erfindung der heutige Zeit. Bis zur Mitte des vorigen Jahrhunderts nahm diese Aufgabe der Kommissionsverlag wahr, der bis in die dreißiger Jahre des vorigen Jahrhunderts kaum vom selbstfinanzierenden Verlag getrennt war. In Meyers Konversationslexikon von 1893 steht für den Verlag

“Zuweilen trägt auch der Schriftsteller einen Teil der Kosten, oder er lässt sein Werk ganz auf eigene Kosten drucken …” (Bd. 3, S. 627)

Nun gibt es in der Ausrichtung der Verlage natürlich Unterschiede. Es  gibt die klassischen Publikumsverlage, es gibt Nischen- und Selbstverlage, es gibt Zuschuss- und Dienstleisterverlage und es gibt die Möglichkeit, sein Buch als Book on Demand zu veröffentlichen (das Wort “Verlag” kommt mir in diesem Zusammenhang etwas schwer über die Lippen). Publikumsverlage sind die alteingesessenen Verlage wie Rowohlt, Suhrkamp, Random House usw., die in der Regel darauf angewiesen sind, den großen Publikumsgeschmack zu bedienen, damit sich das einzelne Projekt auch lohnt. Auch sie werden im Laufe ihres Daseins den ein oder anderen Zuschuss kassiert haben. Nischenverlage können Verlage sein, die sich beispielsweise auf Regionalliteratur oder auf spezielle Themen oder auch politische Ausrichtungen konzentrieren. Sie werden ohne Zuwendungen oder Zuschüsse durch beispielsweise Kulturstiftungen gar nicht auskommen können, da ihre Bücher nur eine begrenzte Käuferschaft finden. Selbstverlage sind oft von mutigen Menschen in Eigeninitiative geführte Hobbyverlage, wobei in der Regel alles (vom Buchsatz bis zur Auslieferung und dem Inkasso) am Selbstverleger hängenbleibt. Meist ist es der Autor der Bücher, die in dem Verlag erscheinen, selbst, der abends nach Feierabend noch im Keller die Buchpakete packt. Zuschussverlage sind die, bei denen man einen “Zuschuss” zu den Produktionskosten zahlt, beim Dienstleisterverlag hingegen tritt man komplett als Auftraggeber auf – was zum Einen bedeutet, dass der Autor großen Einfluss nehmen kann auf das Buchprojekt und sich aller Pflichtarbeiten (Lektorat, Buchsatz, Coverlayout, Druck, Vertrieb, Lagerhaltung, Inventur, Tantiemenabrechnung, Verwaltung usw.) entledigt. Zum Anderen bedeutet es aber auch, dass er die Kosten dafür zu tragen hat. Es rechnet sich deswegen, weil man zum Einen Synergieeffekte nutzt, also beispielsweise von verbesserten Druckkonditionen profitiert oder wie bei einer Einkaufsgemeinschaft die einzelnen Dienstleistungen sonst deutlich teurer wären. Zum Anderen rechnet es sich, weil Profis sich um meine Belange kümmern – und ich kein Lehrgeld zahlen muss, wenn ich einen Fehldruck in der Druckerei verursache oder sich der Erfolg nicht einstellt, weil ich ohne Grundkenntnisse der Verlagsbranche in dieser aktiv sein möchte. Als letzte Möglichkeit in der Kette bleibt das Publizieren über Book on Demand, was eigentlich nichts anders ist als eine Druckerei mit kleinen Verlagsdienstleistungen wie einer ISBN oder Flyer-Druck. Ein Verlag sieht anders aus, dennoch kann auch das Veröffentlichen hier eine Alternative darstellen.

Mehr oder weniger neu ist aber eine Aufgeregtheit in der Diskussion, wobei die Aufregung aus ganz unterschiedlichen Motiven stammt:

  • Aufregung von selbsternannten “Intellektuellen”, die sich dadurch abgrenzen möchten (wo kämen wir denn dahin, wenn neuerdings jeder ein Buch veröffentlichen dürfte?)
  • Kritik von Berufsnörglern, die, wie beispielsweise das Literaturcafe.de, alles und jeden schlecht machen müssen, wobei Überprüfbarkeit und Wahrheitsgehalt der Behauptungen offenbar nebensächlich sind. Der Stil, alles und jeden auf eine merkwürdig herablassende Art und Weise schlecht machen zu müssen, scheint bei einer bestimmten Leserschaft anzukommen. Konzepte, es anders zu machen, haben diese Berufsnörgler allerdings nicht. Und da sie vom Börsenverein des Deutschen Buchhandels bis zum Bestsellerautor so gut wie alles durch den Kakao ziehen, kann man sich schon geehrt fühlen, wenn man dort auch erwähnt wird. Wenn dann auch noch gleichzeitig die Werbetrommel für Books on Demand gerührt wird, wirft es einen Schatten auf die vermeintlich objektive Berichterstattung und erscheint auch unter Wettbewerbsrecht sehr zweifelhaft.
  • Eine fast noch nachvollziehbare Aufregung derer, die mangels Erfahrung in der Verlagsbranche und leider auch mangels wirtschaftlicher Grundkenntnisse meinen, alles, was nicht gratis oder zumindest das billigste Angebot sei, sei gleichzeitig eine illegale Abzocke unmündiger Autoren.  Schade, dass sie sich nicht zuerst informiert oder einfach mal nachgefragt haben. Denn “billig” kann gerade in der Verlagsbranche bedeuten, dass es eine vergebliche Investition ist, weil es heute nicht mehr um günstige Herstellungskosten geht (das kann jeder), sondern vor allem um die Vermarktung.

Ist die Aufregung berechtigt?

Zunächst einmal muss man ja sehen: Es handelt sich nur um ein Angebot, wenn ein Verlag ein Angebot unter finanzieller Beteiligung des Autors macht. Und Sie können es ebenso machen wir mit den vielen anderen Angeboten, die Sie jeden Tag bekommen, ob es der Kostenvoranschlag für die Reparatur Ihres Autos ist oder ein vermeintliches Sonderangebot aus dem Elektromarkt Ihres Vertrauens: Sie können es ablehnen.

Der Vertrag eines Zuschussverlages ist nichts anderes als ein Angebot, das Sie annehmen oder ablehnen können.

In Amerika ist diese Art des Publizierens nicht nur gang und gäbe, sondern auch äußerst populär und überhaupt nicht umstritten, denn man hat verstanden, dass es sich um eine Dienstleistung für den Autor handelt. Wenn dieses Konzept des Buchveröffentlichens also für mich als Autor in Frage kommt (und diese Frage muss sich jeder selbst stellen), dann kann ich mich an einen der Anbieter wenden und das für mich passende Angebot heraussuchen. Der Verlag erledigt dann alles Weitere für mich und ich – wiederum als Autor gesprochen – kann mich auf das konzentrieren, was ich besonders gut kann: auf das Schreiben meines nächsten Buches. Die vermeintliche Aufregung um Zuschussverlage bei uns scheint doch ein sehr deutsches Problem zu sein und die Lust einer kleinen Minderheit, Autoren Angst zu machen, ein zweifelhaftes Vergnügen.

Trau, schau, wem. Dass die Angebote der auf dem Markt befindlichen Verlage unterschiedlich sind und dass man unbedingt vergleichen sollte, ist eine Selbstverständlichkeit. Und dass es schwarze Schafe unter den Verlagen gibt, ist auch klar. Als “Schwarzes Schaf” definiere ich an dieser Stelle Verlage, die nichts anders im Sinn haben als ihren eigenen Gewinn und den Autor mit ziemlich haltlosen Versprechen vom Bestseller und Ruhm ködern. Das bedeutet: Ein Mindestmaß an Dienstleistung wird erfüllt, alles darüber hinaus, was man eigentlich bräuchte, damit das Buch auch bekannt gemacht wird, spart man sich. Es ist ein Spiel mit der Eitelkeit von Autoren, im amerikanischen nennt man diese Art des Publizierens deswegen ja auch “Vanity-Publishing”. Ein Betrug im juristischen Sinne ist es erst, wenn die im Vertrag vereinbarte Leistung mutwillig nicht erfüllt wird. An dieser Stelle trennt sich Pflicht von Kür.

Wo aber wird nun das Angebot eines Verlags unseriös? Nur weil ein Handwerker bei Ihnen einmal eine schlechte Leistung gezeigt hat, sind nicht alle Handwerker Betrüger, und die Erfahrung des Einen mit muss nicht die Realität des Anderen sein. Die Frage aber, ab wann das Angebot eines Verlags unseriös ist, lässt sich recht einfach beantworten: Immer dann, wenn man Ihnen Versprechen macht, die unrealistisch sind, sollten Sie vorsichtig sein. Und immer wenn eine vertraglich vereinbarte Leistung nicht erbracht wird, ist dies unseriös. Daher mein Rat an Sie:

Vergleichen Sie die versprochenen Leistungen mit den Erfolgen, die der Verlag vorzuweisen hat. Klopfen Sie Versprechen auf ihren Wahrheitsgehalt ab und stellen Sie kritische Fragen. Und schauen Sie sich bitte an, was Sie unterschreiben, denn Sie sind ein Mensch, der eigenständig Entscheidungen treffen kann. Das Bild vom unmündigen Autor, der an jeder Ecke permanent ausgenommen wird, ist ein Märchen.